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Bericht von Thomas Senn in der Zeitschrift OldtimerMarkt Ausgabe 9/2009

 

Vom Suchen und Finden von Lenkrädern und Naben

Lenkradshop.de

 

Leder- oder Holzlenkräder sind eine feine Sache. Wenn man sie im Auto hat. Bei der Beschaffung inklusive passender Nabe kann man aber schon mal am Rad drehen. Wir haben jemanden besucht, bei dem es seit zig Jahren rund geht.

 

 

 

Stefan Wüst muss auf langen Autofahrten oft raus. Manchmal sogar drei vier Mal in der Stunde. Schuld ist seine Ehefrau und Chefin Silvia. Sie zwingt ihn dazu. Aber anders als Sie vielleicht denken, sind nicht blütenfrische Autobahntoiletten sein Ziel sondern dunkle kleine Autowerkstätten. Wann immer die Wüsts unterwegs sind halten sie an jeder Werkstatt und an jedem kleinen Autozubehör-Geschäft an. Immer auf der Suche nach alten Lenkrädern und Naben. Gerade letztere liegen oftmals jahrelang unbeachtet und missverstanden in Ecken und Regalen. Weil keiner etwas damit anzufangen weiß. Mr. Momo weiß es schon. Er hat nichts als Naben und deren Nummern im Kopf. Alle. Und neben den Nummern hat er im fotografisch interessierten Abteil seines Gedächtnisses noch die passenden Bilder abgespeichert. Auch alle. Wenn er eine Nabe sieht schickt die Fotoabteilung das Bild in die Nummernbuchhaltung seines Dreispeichen-Hirns und die sendet sofort einen Kaufreiz in die rechte Gesäßhälfte, die daraufhin das Portemonnaie ausspuckt.

 

Über 1000 Naben hat er zuhause gelagert, dazu knapp 400 Lenkräder. Und jeden Tag werden es mehr und weniger.

 

Stefan Wüst handelt mittlerweile damit. Es wäre auch eine Schande wenn nicht. Zu viele seltene Stücke hat er schon ausfindig gemacht. Auch für Autos, von denen manche Fans gar nicht wussten, dass es auch für Sie einen Handschmeichler gab.

 

Angefangen hat alles mit dem Kauf eines Alfa Rundheck-Spiders. Wüst bekam ein schönes Nardi-Lenkrad dazu, aber keine passende Nabe. In die Suche hat er sich damals so hineingesteigert (wir erinnern uns: das Internet ist nicht schon immer da) dass er sein Hobby nach zwei Jahrzehnten des Sammelns und Jagens jetzt zum Beruf gemacht hat.

 

Und das zur Freude aller. Sie werden es sehen, wenn Sie ihn testen: Was der Mann nicht kennt ist auch wahrscheinlich nicht hergestellt worden. Und was hergestellt worden ist erkennt er am Telefon. Beispiel. Ich habe ein Lenkrad mit eingraviertem Walter Röhrl-Schriftzug. Und eine Nabe dazu. Das war alles was ich wusste. Keinen Hersteller kannte ich, und kein passendes Auto zur Nabe, obwohl der Verkäufer glaubte sich irgendwie zu erinnern, dass er es mal für seinen Golf 1 gekauft hatte. Wüst dazu am Telefon: „Das ist ein Carl Kittel-Lenkrad. Kennen Sie Carl Kittel etwa nicht? DEN Carl Kittel? Und die Nabe: Stecken Sie mal den Finger rein: Passt da der Daumen oder der kleine Finger?“ Ich: „Der kleine Finger.“ „Dann ist es wirklich Golf 1. Es gab nicht viele Naben für das Lenkrad, Carl Kittel hatte einen Tuningbetrieb in Eching bei München, ist dann aber später von Wacker Chemie aufgekauft worden und ...“  Oh Mann. Der Mann weiß Bescheid.

 

„Ich kann den Kunden meistens schon am Telefon helfen, weil ich ziemlich genau auswendig weiß, was es überhaupt gegeben hat. Es ist ja manchmal sonst sinnlos jahrelang nach Dingen zu forschen, die es vielleicht nie gegeben hat. Obwohl sich die Kunden da gern in etwas hineinsteigern. Es hält sich ja nach wie vor hartnäckig das Gerücht, dass viele Naben und Lenkräder untereinander passen. Vergessen Sie es! Momo hat einen Lochkreis von circa sieben Zentimetern bei sechs Löchern mit einer Bohrung genau auf 12 Uhr. Raid-Naben haben zwar auch sechs Löcher, aber einen Lochkreis von circa 7,4 Zentimetern und dort liegen die Bohrungen bei der Geradeausstellung auf 11 und 13 Uhr. Victor-Naben haben fünf Löcher und es gibt noch sechs, sieben andere Hersteller wie Motolita, Nardi, Spupersport, Jamex, Isotto und so weiter. Und wenn zufällig mal Lenkräder auf Naben anderer Hersteller oder Autos passen, fahren Sie trotzdem ohne ABE und somit ohne Versicherungsschutz. Mal ganz zu schweigen vom richtigen Sitz des Blinkerrückstellers und der Schleifkontakte. Aber soweit muss es ja aber gar nicht kommen, ich weiß doch was passt und was nicht, sie müssen mich doch nur fragen.“

 

Und das tun die Leute reichlich. Ich hatte bei den Recherchen zu der Geschichte noch ein paar nachträgliche Fragen, die ich am Telefon stellen wollte. Keine zwei Minuten stand der zweite Fernsprecher des Mr. Momo still, ständig drohten Kunden mit Auftrag. Obwohl: Wenn ich mich recht erinnere, waren es einfach in den paar Minuten die wir telefonierten drei reine Beratungsgespräche. „Das ist mir völlig gleich ob jemand einfach eine Frage hat oder ich ihm etwas verkaufen soll. Bei mir werden alle gleich behandelt, ich freue mich, wenn ich helfen kann.“

 

Und das kann der Mann. Das Telefon klingelt wieder, ein Mann aus Polen. Er fährt Rennen mit seinem Honda Prelude und hat ein Sparco-Lenkrad. Bei Sparco ist der Prelude aber nicht in der Tabelle aufgeführt, somit gibt es auch keine Nabe. Wüst weiß aber, dass Sparco-Naben von Momo hergestellt werden und erinnert freihändig aus dem Kopf die Prelude-Momo-Nabennummer und – schon fast keine Überraschung – hat das Teil natürlich auf Lager. Der Pole anderen Ende schlägt ohnmächtig der Länge nach hin, ich schiebe beeindruckt die Unterlippe nach vorn.

 

Manchmal ist aber selbst Wüst am verzweifeln. Hatte er doch jüngst einen Kunden, der eine spezielle Nabe für einen Alfa 75 benötigte. Er hatte schon fünf verschiedene ausprobiert, alle passten nicht. Wüst glaubte Rat zu wissen, Kunde bestellte, Wüst lieferte, Nabe passte nicht. Kunde schickt zurück und infarktet halb am Telefon. Das sind dann die Fälle, wo es gut ist, an einen echten Experten zu geraten. Denn Wüst wusste mit 1000prozentiger Sicherheit, dass es definitiv die  richtige Nabe war und es nie eine andere für dieses Auto gegeben hat. Und so überzeugt fuhr der Mann mit seinem Alfa 75 in eine Werkstatt wo dann festgestellt wurde, dass ein Vorbesitzer eine andere Lenksäule verbaut hatte! Es konnte also gar nicht passen. Heute fährt der Mann nach Ermittlung des Lenksäulenspenders selbstverständlich sein geliebtes Lenkrad spazieren.

 

Dass Lenkräder manchmal auch ein lukratives Geschäft sein können, verrät uns Meister Wüst anhand eines Beispieles: „Das Cavalino 38 wurde in Deutschland gern in VW Bussen T2 oder 3 verbaut. 100 Euro muss man dafür bei uns bezahlen. In Australien hingegen war exakt dieses Lenkrad im Holden Commodore montiert, was die Preise in Australien auf 800 bis 900 Euro hat ansteigen lassen!“

 

Das gilt natürlich nur für feine Stücke. Denn auch der Zustand eines Lederlenkrades spielt eine große Rolle. Wüst: „Viele Leute rufen bei mir an und wollen ein Lenkrad das noch viel älter ist als sie selbst, aber nicht so viele Alterserscheinungen haben darf wie sie. Das ist häufig natürlich schwer zu realisieren. 30, 40, 50 Jahre gehen nicht spurlos an einem Lenkrad vorüber, und Botox für Lenkräder gibt es nun mal nicht.“ Obwohl Wüst da schon sein Licht unter den Scheffel stellt. Ich habe selbst ein 30 Jahre altes Lenkrad bei ihm gekauft, dem sehen sie die 30 Jahre aber nicht an. Ich hatte anfangs sogar Zweifel, dass es ein wirklich altes Schätzchen ist, so gut sah es aus. Als ich dann aber später bei der Aufbereitung eines schwer gezeichneten Volants aus einem mit Metzgerpranken malträtierten Nicht-Servolenkungs-Auto dabei sein durfte, änderte sich meine Meinung. Es gibt tatsächlich viele Tricks und Kniffe, die in die Jahre gekommenes Material wieder aufleben lassen. Natürlich deckt Wüst nicht alle Trümpfe auf, aber so ein paar Tipps rückt der studierte Diplom-Betriebswirt dann doch raus.

 

Thema Nähte: „Bei einem alten Lederlenkrad sind die Nähte immer schwarz. Egal welche Farbe sie eigentlich haben. Um die Ursprungsfarbe, und wenn es wie meistens weiß ist, wiederzubeleben, reicht ein einfaches Color-Pulver-Waschmittel ohne Oxidationsstoffe. Trocken einreiben und einmassieren, erst zum Abspülen kommt Wasser hinzu. Das wirkt Wunder. Oder ein auf Enzymbasis aufgebautes Vorwaschmittel zur Reinigung des Nikotin- und Dreckfingerverseuchten Lenkradleders. Das schöne an diesem Mittel: Es bildet sich weißer Schaum und Sie denken, nichts würde passieren. Erst wenn dieser weiße Schaum ins Wasser tropft, wird das Wasser schwarz! Aber bitte beim Reinigen immer beachten: So wenig Wasser wie möglich. Quillt das Leder erst einmal auf, können Sie es nicht retten!“ Also Sie nicht. Natürlich ist das alles nur die halbe Miete. Es wird in Wüstens Werkstatt gedremelt, gesprüht, massiert, gerieben und gestreichelt was das Zeug hält. Und ganz wichtig am Schluss: Die Fixierung. Ohne die ist alles nach einer Woche wie es vorher war. Was die richtige Fixierung ist? Ein Betriebsgeheimnis. Leider.

 

Das folgende Beispiel der Nabenzuordnung ist zwar kein Gehiemnis, aber man sollte schon einen ganzen Block Dextro Energen intus haben, will man sich das merken: „Schreiben Sie mal mit Herr Senn: Die Momo-Nabe L 6000 ist für alle Mercedes Standardmodele bis 69, wurde dann abgelöst von der L6001 (FOTO) für W 114, 115, 116, und den W 107, hier allerdings erst ab Baujahr 80. Für W123 mit Einzelgutachten und mit ABE für W126, 201, 124 und 140 auch mit Airbag brauchen Sie die L6004 (FOTO). Und wenn Sie einen dieser Wagen mit 4-Matic fahren habe ich die L6005 (FOTO) für Sie. Oder Momo-Nabe L 8010 für alle Golf bis 8/89 außer Syncro, 1303 ab 1974, Audi 80 bis 10/86 Audi Coupé bis 89, Porsche 924 und 44 bis 84. Und wer noch mehr Verwirrung will, kann sich gerne bei mir melden. Haben Sie das?“ Äh, ja, ja, hab ich. Glaub ich. Aber Moment mal: Das heißt ja, meine Röhrl-Nabe ist nicht nur für den Golf 1 sondern auch für Audi, Käfer Porsche und Co. Wüst: „Natürlich. Aber Sie wollten ja wissen, ob Golf 1 stimmt. Golf 1 stimmte.“

 

Wenn man dann also ein feines Lenkrad hat, die passende Nabe ermittelt und auch ein Auto hat, wo alles rein passt, dann fehlt nur noch um es rund gehen zu lassen: der Hupenknopf. Eine absolute Spezialität von Wüst. Auch hier kann ich wieder aus eigener Erfahrung sprechen: ich habe ein seltenes Jackie Stewart-Lenkrad mit eingeprägtem Monogramm. Was ich nicht hatte, weil ich es gar nicht wusste: den passenden Hupenknopf mit dem legendären Schottenkaro-Helm von Jackie Stewart. Jetzt habe ich ihn ...

 

Wüst hat eine große Auswahl an alten Schätzchen über die Jahre zusammengetragen. Aber ob schütter produzierte Markenembleme oder licht hergestellte Rennfahrer-Helme, auch hier gilt wieder: nicht alles passt überall.

 

Neuestes Steckenpferd von Mr. Momo sind die „Dress-Down-Adapter“, womit man die ersten Airbag-Youngtimer wieder mit augenfreundlichen Volants zurückrüsten kann. Es besteht also auch für die Zukunft noch Hoffnung, dass man nicht zwanghaft mit einem dieser Klotzbrocken seinen Wagen steuern muss.

 

Übrigens: Wenn Ihnen mal jemand die falsche Lenksäule eingebaut hat oder ihnen ein Lenkrad von mir aus anderen Gründen nicht gefällt: Bei mir gibt es immer sofort Geld zurück ohne Wenn-und-Aber-Palaver. Ich freu mich schließlich über jedes Lenkrad, welches ich wieder im Lager habe ...“

Text und Fotos: Thomas Senn

Kontakt:

Stefan und Silvia Wüst

Tel:08252/905959

www.lenkradshop.de

Email: info@lenkradshop.de

 


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